Jolegeschichte
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Jole kommt zur Josefschule

Die Sonne strahlte nach einem sommerlichen Regenschauer wieder vom Himmel.
Einige Wolken spiegelten sich in dicken Tropfen, die an den Rosenblättern im Rosengarten
des Grugaparks klebten.
Auf einem dieser Blätter hockte ein roter Punkt.
Bei ganz genauem Hinschauen war das aber kein roter Punkt,
sondern ein rundlicher Marienkäfer.
Ein niedlich, gepunkteter Marienkäfer, der gerade versuchte sich
in einem Regentropfen zu betrachten.
Mit Verrenkungen probierte der kugelige Käfer, seinen Rücken zu beschauen.
Was bei den anderen Marienkäfern kicherndes Gelächter auslöste.
„Jole versucht wieder seine Punkte zu zählen!“
„Der gibt nie auf!“
Jole war bekannt für seinen Spaß am Zählen.
Das heißt, eigentlich konnte Jole gar nicht zählen.
Es hatte begonnen als Jole bemerkte, dass auf den Rosenblättern verschieden
viele Blattläuse hockten.
Auf einem Blatt mehr, weil es sich tiefer beugte als das andere Blatt.
Aber wie viele Blattläuse dort mehr saßen, wusste Jole nicht zu sagen.
Er konnte die Anzahl noch nicht einmal schätzen, weil Jole keine Zahlen kannte.
Das machte den kleinen, roten Marienkäfer aufs Zählen neugierig.

Die anderen Marienkäfer hatten sich schon gelangweilt von Jole abgewandt, als der immer
näher an den Wassertropfen geriet.
Jole probierte sich mit viel Schwung zu drehen.
Das tat er um seinen ganzen Rücken betrachten zu können.
Dabei verlor er das Gleichgewicht und purzelte gegen den Wassertropfen.
Jole blieb leider an der Oberfläche des Wassers hängen.
Der Tropfen wurde zu schwer und rollte vom Blatt.
Samt Jole, der an ihm klebte. Platsch!
Schlugen Marienkäfer und Tropfen auf dem Boden auf.
Nass und durchgerüttelt blieb Jole auf der frisch geharkten Erde liegen.
Bis ein lustiges Gesicht über ihm erschien.  
   
„Na, hazt du wieder zu zählen verzucht?“
Das Gesicht gehörte zu Armin Ameize. Er war ein guter Freund.
„Ja, meine Punkte.“
Murmelte Jole und probierte strampelnd, wieder auf den Bauch zu gelangen.
„Ich habe dir gezagt, daz Zählen gefährlich izt.“
Zischelte Armin und schubste Jole zurück auf die Beine.
„Zählen ist nicht gefährlich.“
„Wie bizt du dann vom Blatt gefallen?“
Jole verdrehte seine großen Marienkäferaugen und klopfte sich den Schmutz von den Fühlern.
Neugierig schaute er seinen grinsenden Ameisenfreund an.
„Wie macht ihr das? Ihr Ameisen? Manche von euch finden ihr Zuhause wieder, weil sie ihre Schritte zählen.“
„Izt daz wahr?“
Armin schaute erstaunt auf seine Beine. Bestimmt gehörte sein Freund Armin nicht dazu.
„Du kannst nicht zählen, oder?“
Armin schüttelte seinen länglichen Kopf.
„Wir Klopfen. Zo…“ Die vorderen Beine des Freundes hämmerten in einem komischen Takt auf Joles runden Rücken.
“…hazt du verstanden?“
Nein, Jole hatte gar nichts verstanden. Armin zuckte mit den Schultern.
„Wenn wir etwaz gefunden haben, klopfen wir unzerer Familie dieze Nachricht vor.
Jede Ameise weiz dann, wo und waz zie zuchen muzz.“
„Das ist toll, Armin. Leider verstehe ich das Klopfen nicht.“
„Ich muzz weiter. Zei vorzichtig beim Zählen.“

 
„Na? Hast du verstanden. Sum?“
Jole schüttelte enttäuscht den Kopf. Zahlen hatte er bestimmt nicht gehört.
„Aber so erzählen wir Bienen uns wo es guten Nektar gibt. Wohin wir fliegen müssen und wie weit. Sum.“
„Schade Biggi, ich würde so gerne das Zählen lernen.“
„Das dauert doch viel zu lange. Sum.“ Biggi Biene trippelte unruhig herum. „Du, ich muss wieder los. Bis bald. Sum.“

Und schwupp summte Biggi los um neuen Nektar zu sammeln.
Ein bisschen traurig flog auch Jole aus dem Bienengesumme fort, zurück zum Rosengarten.
Dort zwischen den blühenden Rosen entdeckte er einen frischen Erdhaufen. Vorsichtig landete Jole daneben.
Unter ihm bewegte sich der lockere Boden und plötzlich erschien ein kauendes Gesicht.
Es war voller Erde, rot und ziemlich faltig.
„Hallo, Räggi.“

Das Gesicht hustete etwas, dann schüttelte es die Erde ab.
Zwei kleine, aufgemalte Augen sahen Jole nicht an.
Weil sein Freund Räggi Rägenwurm mit der gelb-grün–roten Strickmütze gar nicht sehen konnte. Was ihm nichts ausmachte.
Räggi erzählte jedem, dass er dafür alles andere konnte.
„Gutän Tag Jolä. Du scheinst mir ätwas aufgärägt.“
„Ich wollte Heute das Zählen lernen. Aber bisher konnte mir keiner helfen.“
„Das Zählen?“
„Kannst du Zählen, Räggi?“
Der Regenwurm schaute Jole nachdenklich aus seinen aufgemalten Augen nicht an.
„Wozu?“
Jole legte traurig den Marienkäferkopf schief und knibbelte an seinen Fühlern.
Ja, wozu sollte ein Regenwurm eigentlich zählen? Was gab es unter der Erde zu zählen?
Vielleicht hatten die anderen Marienkäfer Recht und er sollte sich nicht mehr um Zahlen kümmern.
Da räusperte sich Räggi und kratzte mit Hilfe eines Erdklumpens an der bunten Wollmütze.
„Du, Jolä. Gästern habä ich zwei kleinä Mänschän gähört.
Die saßän am Teich auf däm Rand. Die habän vom Rächnän gäsprochän. Da kamän auch Zahlän vor.
“ Räggi überlegte lange, dann grinste er sehr faltig. „Schulä! Die Rächnän in der Schulä.“
Kleine Menschen kannte Jole. Die wollten ihn immer auf ihren Händen krabbeln lassen.
Er fand sie trotzdem ganz nett. Letztes Jahr hatte sich einer auf seine Tante Jolanda gesetzt.
Doch bestimmt nicht extra.
„Vielleicht sollte ich eine Schule suchen. Ist bestimmt ein Steinklotz mit kleinen Menschen drum.“
„Wie willst du sowas findän?“
„Bunt!“ Sagte Jole aufgeregt. „Kleine Menschen sind bunt. Bunt wie Blumen!“
„Bunt?“ Sprach Räggi nachdenklich. Dabei zog er seine hübsch aufgemalten Augenbrauen empor.
Klar, Räggi konnte gar nicht wissen, dass Blumen bunt sind. Räggi unterschied nur hell und dunkel.
Blumen zeigten sich dem Regenwurm als dunkle Schatten.
„Meinst du, die schmecken auch so gut wie Blumenblätter?“ Jole lachte.
Die meisten Finger der kleinen Menschen schmeckten süß und klebten.
„Ich muss los, Räggi. Noch ist es morgens und der Wind weht.
Ich werde losfliegen und eine Schule suchen.“
„Sei vorsichtig, Jole! Und geh nicht mit ihnen Angeln!“

 

 

 

 

  

Schon brummte Jole los, die Flügel breiteten sich weit aus und schlugen hastig.
Schnell gewann der runde Marienkäfer an Höhe und wurde bald
vom warmen Sommerwind erfasst.
Die Landschaft unter Jole wurde klein.
Er sah den Grugapark eingebettet zwischen Steinklötzen verschwinden.
Lange graue Schlangen mit verschiedenen Käfern bewegten sich unablässig
und stanken.
Jole schüttelte seinen Kopf, ein bisschen schöner hatte er sich
die Welt schon vorgestellt.
Er entdeckte nichts buntes, das wie Blumen aussah.
Der Wind blies ihn über einen Wald und einen blauen See,
in dem sich die Wolken spiegelten.
Über dem See war der Wind stark und Jole wurde heftig hin und her geschüttelt.
Es war schwierig, geradeaus zu fliegen.
Der Marienkäfer wurde von einem heftigen Windstoß fort geweht.
Vor Angst schloss Jole lieber die Augen, als er durch die Luft kugelte.
Dann war der gemeine Wind weg und Jole landete in einem großen Baum,
auf einem Blatt.
Unter ihm erschallte eine komische Glocke und dann,
Jole hielt sich vor Schreck die Ohren zu,
rannten aus einem rötlichen Steinklotz viele bunte Blumen hervor.
Vorsichtig spähte Jole über den Blattrand, tastete ängstlich mit seinen Fühlern.
Auf einem grauen Platz bewegten sich viele farbenfrohe Gestalten.
Sie waren ein bisschen laut und schnell, aber Jole wusste sofort:
Es waren kleine Menschen!
Vor Freude hüpfte Jole auf seinem Blatt hin und her.
Mutig flog der Marienkäfer von dem hoch gelegenen Blatt tiefer hinab,
auf ein flaches Dach vor dem Steinklotz.
Hier konnte Jole die kleinen Menschen besser erkennen.
Sie redeten viel miteinander und tobten ausgelassen.
Plötzlich erklang erneut diese seltsame Musik und dann, Jole war verwirrt,
waren alle weg.
Der Marienkäfer schaute sich erstaunt um.
Dann flog er los zu einem großen Fenster und setzte sich an die Scheibe.
Neugierig lugte Jole hinein und da, da waren die kleinen Menschen.
Sie saßen brav auf Stühlen und an Tischen.
Dort sah Jole, wie eine große Menschin an die Wand malte! Sie malte Zahlen!
Vor Glück wäre Jole fast von der Scheibe gerutscht. Jole wollte hinein.
Doch die Fenster waren alle zu. Aufgeregt brummte er um die Schule herum.
Alle bunt bemalten Fenster waren verschlossen.
Die Türen sahen viel zu schwer aus, als dass ein Marienkäfer sie öffnen könnte.
Dann, nachdem Jole ein paar Mal die Schule umrundet hatte,
in jeden Klassenraum schaute und sogar Buchstaben entdeckte,
bemerkte er ein Fenster, das offen war.
Jole landete auf der Scheibe und spähte in den Raum.
Da waren Blumen und eine große Menschin.
Das Gefühl in seinem Bauch war kribbelig.
Ob sich kleine Menschen ebenso fühlten,
wenn sie am ersten Tag in die Schule kamen?
Jole atmete tief ein, gab sich einen Schuppser
und landete direkt vor der beschäftigten Menschin.
 

„Hmhmhm.“ Machte Jole wichtig und landete auf einem spitzen Stöckchen.
Die Menschin blickte kurz auf, runzelte die Stirn und las dann weiter.
„Halloooo! Ich bin Jole. Ist das hier eine Schule?“
Jetzt blickte sie verwirrt auf und schaute suchend im Raum umher.
„Ich sitze auf dem Stock hier!“
Der freundliche Blick richtete sich auf Jole, allerdings sehr überrascht.
„Hallo? Redest du mit mir?“
Jole blickte sich im Raum um, ob noch jemand da war. Aber da war niemand mehr.
„Ja, mit wem denn sonst? Ich bin Jole Marienkäfer und komme aus dem Rosengarten.“
„Das ist interessant. Können alle Marienkäfer sprechen?“
„Naja, sprechen schon, aber leider nicht zählen. Deshalb bin ich hier.“
Die Augen der Menschin wurden sehr groß, dann musste sie plötzlich lachen.
„Du möchtest hier an der Josefschule das Zählen lernen?“
„Das ist also eine Schule!“ Jole hüpfte vor Freude. „Oh ja, ich würde gerne Zählen lernen und Rechnen…“
Jole war ganz atemlos vor Aufregung. „Lesen und Schreiben wäre auch toll!“
„Da muss ich ziemlich kleine Stifte und Hefte für dich bestellen.
Aber du könntest dich bei unseren Erstklässlern auf die Blumenblätter ihrer Blumen setzen. Die stehen auf ihren Tischen.
Ich bin übrigens die Direktorin. Ich passe auf die Josefschule auf.“
„Ach, wie bei meiner Freundin Biggi Biene. Die Bienenkönigin passt auch auf ihr Volk auf.“
Die Direktorin lachte wieder. Jole fand sie nett und hoffte, dass alle hier so nett waren.
„So ähnlich. Komm mit ich zeig dir alles.“
Die Josefschule war ziemlich groß für einen Marienkäfer und nachdem Jole die Aula, den Musikraum, das Lehrerzimmer,
die Klassenräume, die OGATA, die Betreuung und das Hausmeisterbüro gesehen hatte, war ihm ganz schön schwindelig.
Aber Jole freute sich schon auf den nächsten Tag.
Da durfte er im Unterricht dabei sein und endlich das Zählen lernen. 

 

 






   


 

 

 
 
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